Audioventures

Augen zu und durch

Ausnahmsweise zwei Links zum Lesen,  nicht Hören, über das Nicht-Hören.

Das verbotene Experiment

Kai Kupferschmidt ist in Dörfer gefahren, in denen viele Gehörlose leben, und hat erfahren, wie sich dort ganz eigene Sprachen entwickeln. Eine tolle Kombination aus Reportage nah an den Menschen, Storytelling und klassisch-seriösem Wissenschaftsjournalismus angereichert mit Fotos und Animationen, die die Geschichte nicht nur illustrieren sondern voranbringen.

Die Wissenschaftler sammeln die Sprachen wie Schmetterlingsforscher, die an entlegenen Orten nach neuen Arten suchen. Jeder Fund schillert in seinen eigenen bunten Farben. Und manche Forscher glauben, dass sie einen Blick in die Vergangenheit erlauben, zum Ursprung der Sprache. Sprachen wie die in Kfar Qasim könnten der Schlüssel sein, um zu verstehen, wie Sprache entstanden ist, sagen sie.

Die Forscher arbeiten unter Zeitdruck. Wie manch unentdeckter Falter in den Wäldern des Amazonas ausstirbt, ehe er entdeckt wird, so sterben auch Dorfgebärdensprachen, bevor sie dokumentiert werden.

(…)

Rivka Carmi ist seit vielen Jahren nicht mehr in Al-Sayyid gewesen. Die Medizinerin hat lange in dem Dorf gearbeitet, sie hat den Grund gefunden für die Taubheit der Menschen dort und sie lebt kaum eine halbe Stunde mit dem Auto entfernt. Doch obwohl einige Menschen sie immer wieder einladen, bleibt sie dem Dorf fern. “Vermutlich ignoriere ich diese Einladungen, weil ich mich noch immer schuldig fühle, für das, was damals passiert ist”, sagt Carmi. “Wir waren furchtbar naiv.”

Mitte der 90er Jahre beschließt sie, die Ursache für die vielen taubstummen Menschen in Al-Sayyid zu suchen. Sie nimmt in dem Dorf Blutproben und in Zusammenarbeit mit einem Team in den USA, das am Humangenomprojekt beteiligt ist, gelingt es ihr schließlich, die Mutation zu finden: Sie liegt in einem Gen namens Connexin 26. Es ist ein einziger Buchstabe der dort fehlt, ein G an Position 35. Versucht die Zelle das Gen abzulesen, kommt sie deshalb durcheinander, es entsteht ein verstümmeltes Eiweiß. Die Folgen sind drastisch.

Mishearings

Oliver Sacks beschreibt in der New York Times wie sein Gehör schlechter wird und er sich immer öfter verhört. Er führt Buch darüber, was er gehört hat und was eigentlich gesagt wurde. Aus seinen Aufzeichnungen zieht er interessante Schlüsse – unter anderem einmal mehr den, dass unser Gehirn fantastisch ist.

What is extraordinary, first, is that [mishearings] present themselves as clearly articulated words or phrases, not as jumbles of sound. One mishears rather than just fails to hear.

Mishearings are not hallucinations, but like hallucinations they utilize the usual pathways of perception and pose as reality — it does not occur to one to question them. But since all of our perceptions must be constructed by the brain, from often meager and ambiguous sensory data, the possibility of error or deception is always present. Indeed, it is a marvel that our perceptions are so often correct, given the rapidity, the near instantaneity, with which they are constructed.

Jeder Sechste ein Flüchtling

Ein besseres Wort für Multimedia-Reportagen ist Web-Dokus. Und wenn Radiomacher Web-Dokus machen, dann sollten sie anders sein als wenn Fernsehmacher, Zeitungsmacher oder Onlinemacher Web-Dokus machen. Sandra Müller und Katharina Thoms haben eine Web-Doku gemacht, in der sie besonders viel Wert auf die akustische Ebene gelegt haben, zu finden unter www.swr.de/messstetten und hier bereits begeistert thematisiert. Aber kann man dann nicht gleich Radio machen? Nein, sagt Sandra Müller im Podcast und sie hat natürlich Recht. Warum wäre ihre Web-Doku Jeder Sechste ein Flüchtling auch sonst für den Grimme-Online-Award nominiert?

Für den Publikumspreis des Grimme-Online-Award könnt und solltet ihr hier abstimmen.

Und hier die Link-, Hör- und Guck-Empfehlungen von Sandra:

Ich schreibe natürlich auch immer wieder über #RadiofürdieAugen in meinem Blog.
Und beim Fachjournalist hab ich schon mal n Überblick gegeben, was jenseits von Webdokus geht.

Zaatari – Gebrauchsanleitung eines Flüchtlingslagers

Monika Kalcsics war in einer der größten Städte Jordaniens – die eigentlich gar keine Stadt ist, sondern ein Flüchtlingslager. Eine Woche hat sie dort die Arbeit der Hilfsorganisationen, vor allem aber das Leben der Flüchtlinge beobachtet. Ihre Sendung Zaatari – Gebrauchsanleitung eines Flüchtlingslagers könnt ihr euch bei WDR 5 anhören, dort gibt es auch eine Bildergalerie. Wie alle Sendungen, über die wir in diesem Podcast sprechen, speisen wir sie auch in unseren Audiolinks-Podcast.

Im Gespräch mit Johannes Nichelmann nimmt Monika Kalcsics uns noch einmal mit nach Zaatari und schildert einige zusätzliche persönliche Eindrücke. Es geht aber auch um die Entstehung der Sendung, wie sie ihre Protagonisten findet und mit welcher Haltung sie sich ihren Themen nähert.

Huffduffer

Beim Schreiben von In der Fremde musste ich mich ein wenig darüber ärgern, dass Inhalte a) nicht einbettbar und b) nicht gut mobil konsumierbar sind. Die allermeisten Sender setzen für ihre Videos und Audios auf Player, die sich nicht wie ein Youtube-Video oder ein Soundcloud-Audio auf anderen Webseiten wie diesem Blog einbetten lassen. Und wer die Inhalte auf dem Smartphone konsumieren möchte, muss online sein – zuhause runterladen und später anhören ist nicht vorgesehen. Leider gibt es längst nicht alles als Podcast.

Aber man kann sich selbst einen Podcast basteln – mit Huffduffer. Sofern die Sender den direkten Zugriff auf eine Audiodatei erlauben, kann man sie seinem persönlichen Huffduffer-Podcast hinzufügen. Jeder Nutzer des Dienstes bekommt seinen persönlichen Podcast-Feed. Über die Website oder über ein Bookmarklet, eine kleine Browser-Erweiterung, kann man neue Audios hinzufügen. Ich füge also MP3s, die ich im Netz finde, die aber nicht Teil eines offiziellen Podcasts sind, in meinem Huffduffer-Feed hinzu, aktualisiere meine Podcast-App und kann den Beitrag so hören, wann es mir passt und ohne mein Datenvolumen überzustrapazieren.

Für die im letzten Beitrag empfohlene Serie Flüchtlinge erzählen gibt es hier mal einen eigenen Huffduffer-Feed – damit ihr euch alle Folgen bequem mobil anhören könnt. Wollte man es den Hörern richtig einfach machen, könnte man ihnen auch noch einen solchen Button anbieten:


Der Trend geht allerdings leider in eine andere Richtung: Podcasts werden abgeschafft, MP3s nicht mehr ins Netz gestellt.

In der Fremde

Seit zwei Jahren lebe ich auf der anderen Seite des Atlantiks, in den USA. Was ich aus Deutschland höre, sind neben ein paar E-Mails und Telefonaten hauptsächlich Nachrichten, Podcasts und das Neueste aus meiner Social-Media-Bubble. So versuche ich, auf dem Laufenden zu bleiben. Aber meine Wahrnehmung von Deutschland wird mehr und mehr verzerrt. Denn ich habe nicht jeden Tag mit Deutschen zu tun. Ich kann nicht mehr einschätzen, was “der Mann auf der Straße” denkt. Mir fehlt der Bezug zu dem, was gerade als common sense gilt. Ich weiß nicht, wie der Winter war, habe nur eine vage Ahnung davon, wer Helene Fischer ist, und muss anhand meiner Social Feeds vermuten, dass der Journalismus in Deutschland weitestgehend nicht mehr existiert. Bei mir kommen nur noch die Extreme an. Und so höre ich seit Monaten von Pegida, Hooligans und Salafisten, AfD und anderen Rechtsgesinnten und beginne, angesichts meiner früher oder später geplanten Rückkehr nach Deutschland zu denken: eher später. Deutschland wird mir fremd.

Dann wird mir aber doch noch ein Link zur ZDF-Reportage Willkommen in Deutschland von Tine Kugler und Günther Kurth angespült, die mich zwar nicht mit der Politik, aber den Menschen in meinem Heimatland versöhnt. Da geht es mir aber schon fast zu idyllisch zu. Und natürlich lenken die TV-Bilder bloß vom Wesentlichen ab. Auf dieses, das Wesentliche, konzentriert sich hingegen die SWR-Web-Reportage Jeder Sechste ein Flüchtling von Sandra Müller und Katharina Thoms. Über Monate beobachten sie, was passiert, wenn in einem Dorf auf der Schwäbischen Alb 5000 Einwohner auf 1000 Flüchtlinge treffen. Zwei Teile sind bisher veröffentlicht, bestehend aus ruhigen Bildern, an denen sich das Auge festhalten kann, während kurze, pointierte O-Töne einen Eindruck von der Stimmung im Dorf vermitteln. Die Protagonisten sind toll ausgewählt und reden offen über ihre Sorgen und Ängste, sprechen auch Gedanken aus, die andere lieber für sich behalten würden. Selbst den für die Flüchtlingsunterkunft zuständigen Polizisten bringen die Autorinnen dazu, einigermaßen gerade heraus reden, statt sich hinter Beamtendeutsch zu vestecken. Ich kann mich mit den Menschen aus Meßstetten identifizieren und mein Bild von Deutschland entzerrt sich wieder ein wenig.

WDR-5-Reportern gelingt schließlich der Perspektivwechsel. In einer sechsteiligen Serie im Morgenecho lassen sie Flüchtlinge erzählen. Die Geschichten von Flüchtlingen aus Syrien, Eritrea, Irak, dem Kosovo, Afghanistan und Ghana sind berührend und mit vier bis fünf Minuten viel zu kurz. Ich will mehr erfahren über diese Menschen, die ja noch viel mehr zu erzählen haben müssen. Trotzdem sechs sehr hörenswerte Beiträge. Sie geben den Fakten aus den Nachrichten den sehr, sehr nötigen Hintergrund. Sie zeigen, dass es hier nicht um Zahlen und Statistiken geht, sondern um Menschen, jeder mit seiner eigenen Geschichte.

Um diesen Themenkomplex geht es auch in der kommenden Ausgabe des Audioventures-Podcasts. ORF-Autorin Monika Kalcsics wird darin von ihrer Arbeit im Flüchtlingslager Zaatari in Jordanien berichten. Eine Woche lang war sie dort mit Mikrofon und Aufnahmegerät unterwegs. Das daraus entstandene Radio-Feature findet sich in den Audiolinks.

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