Audioventures

Augen zu und durch

Autor: thomas (Seite 2 von 2)

Ich bin gerade auf der Third Coast International Audio Conference in Chicago, die eigentlich eine amerikanische Radio/Podcast-Konferenz ist. Und weil hier nur Radio-Leute sind, ist es kein Wunder, dass in jeder Session, die ich besucht habe, mindestens ein Mal Serial erwähnt wurde. Serial ist ein wöchentlicher Podcast, in dem eine wahre Kriminalgeschichte Stück für Stück aufgerollt wird. Weil Serial ein Spin-Off des Über-Podcasts This American Life ist, gab es seit der ersten Ankündigung des Projekts viel Aufmerksamkeit dafür.

In der Radiomacher-Community wird das Projekt intensiv verfolgt. Einerseits, weil alle neugierig auf neue Erzählformen im Radio/Podcast-Universum sind – eine große Fortsetzungsgeschichte hat es so noch nicht gegeben. Andererseits natürlich, weil die Story spannend ist. Der Anteil der 550 Third-Coast-Konferenzteilnehmer, die Serial noch nicht gehört haben, dürfte verschwindend gering sein. Serial ist das Gesprächsthema in den Sessions und beim Essen.

Radio-Nerds halt.

Aber zumindest in den USA scheint Serial auch außerhalb dieser Nische für Gesprächswert zu sorgen. Es gibt ein eigenes Subreddit für die Serie, und als ich diesen Beitrag schreibe, sind gerade 285 Leser auf der Seite, 7600 haben sie abonniert. Okay, 7600 Reddit-Nerds sind immer noch Nerds. Aber: Die Facebook-Seite von Serial verfolgen knapp sieben Wochen nach dem Start 38.000 Fans, auf Twitter sind es 34.000. Bei Bandcamp kaufen so viele Leute den Soundtrack, dass er auf der Startseite gefeatured wird. Zur Erinnerung: Es handelt sich um einen Podcast.

Die Berichterstattung in den Medien ist außergewöhnlich. Im New Yorker, im Wall Street Journal, im Guardian, überall Berichte über Serial. Die größten Serial-Fans treffen sich beim Magazin Slate. Dort gibt es unter der eigens eingerichteten Adresse slate.com/serial intensive Begleitberichterstattung. Slate hat sogar einen Meta-Podcast (iTunes, RSS) gestartet, in dem die jeweils aktuelle Serial-Folge besprochen wird. Auf Youtube finden sich Parodien, die man natürlich nur versteht, wenn man Serial gehört hat. Die Redakteure von Buzzfeed halten die Parodien nicht für zu speziell, um sie aufzugreifen. Und wer möchte schon Witze machen, die keiner versteht?

Es gibt noch mehr davon.

Audios verbreiten sich kaum viral im Netz, darüber gab es zuletzt viele Artikel. Aber Serial ist gerade dabei abzuheben.

Serial könnte so etwas werden wie die vielen amerikanischen Fernsehserien, die man gesehen haben muss, um auf Partys mitreden zu können. Folgerichtig nannte This-American-Life-Urgestein Nancy Updike das Fernsehen auf der Third-Coast-Konferenz scherzhaft “the old medium – from before podcasts.”

Das passt, denn vergleichbar zu den TV Networks bilden sich gerade verschiedene Podcast Networks wie Radiotopia. Sie vermarkten die Podcasts gemeinsam und machen es so für die einzelnen Produzenten einfacher, ihre Arbeit zu finanzieren. Alex Blumberg, ebenfalls Ex-This-American-Life’ler und Gründer des kommerziellen Podcast-Netzwerks Gimlet, gab auf der Konferenz zu bedenken, dass der Erfolg von Serial nicht von ungefähr kommt:

Three of the most talented, and three of the most expensive people in the entire system worked on Serial for a year.

Serial hat den Erfolg verdient. Und die Podcasts-Networks ebenfalls. Radiotopia sammelt gerade per Kickstarter Geld – mehr als 500.000 Dollar sind schon zusammen gekommen. Gimlet hat mehr als eine Million Dollar von Investoren eingesammelt (und eine Podcast-Serie darüber gemacht). Hebt Serial ab, wäre das der Beleg dafür, dass sich Investitionen in hochwertige Podcasts bezahlt machen. Dann  können wir uns hoffentlich auf mehr solide finanzierte, recherchierte und produzierte Shows freuen.

Radio Love

Spoiler Alert: In diesem Video werden wieder einmal Gesichter zu Radiostimmen gezeigt, die man sich ganz anders vorgestellt hat!

Wer damit leben kann erfährt, was Ira Glass (This American Life), Robert Krulwich und Jad Abumrad (Radiolab) sowie Kurt Andersen (Studio 360) am Radio so lieben. In der knapp einstündigen Talkrunde sind neben den offensichtlichen Antworten auf diese Frage aber auch einige interessante Gedanken und Informationen enthalten.

Mir war beispielsweise überhaupt nicht klar, dass es This American Life (TAL) schon seit fast 20 Jahren gibt – laut Wikipedia seit November 1995. Um so erstaunlicher, dass es erst jetzt ein deutsches Pendant dazu gibt.

Einhundert ist eine tolle Sendung, aber TAL beinahe unerreichbar gut. Das wird umso deutlicher, wenn Ira Glass in der Gesprächsrunde bestätigt, was ich bisher nur aus zweiter Hand gehört habe: Die Redaktion von TAL verwirft tatsächlich rund die Hälfte der Geschichten, nachdem sie schon fast fertig produziert sind. Eine TAL-Autorin hat mir mal geschildert, wie sie stundenlang mit Ira Glass an ihrem eigentlich schon fertigen Beitrag herum gebastelt hat. Die ganze Zeit habe sie nicht gewusst, ob er am Ende tatsächlich gesendet werden würde.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass es in Deutschland auch nur eine Hörfunk-Redaktion gibt, die sich derartig hohe Qualitätsansprüche leisten kann. Kein Redakteur hat so viel Zeit, sich mit einem Beitrag auseinanderzusetzen. Ausfallhonorare für Autoren sind die Ausnahme und nicht die Regel. Niemand würde einen signifikanten Anteil des Budgets einer Sendung in Beiträge investieren, die niemals on air gehen.

Am Anfang ist in der Radio-Love-Gesprächsrunde von der Renaissance des Radios in den USA die Rede. Wie es das Radio geschafft hat, nicht mehr nur eine vertonte Tageszeitung zu sein. Und am Ende klingt an, dass es ein Luxus ist, nicht tagesaktuellen Geschehnissen hinterher hecheln zu müssen, sondern sich für eine Stunde Radio pro Woche richtig Zeit nehmen zu können. Ich denke, da besteht ein Zusammenhang. Die Radio-Renaissance wie in den USA habe ich in Deutschland so noch nicht wahr genommen. Und ich fürchte, sie wird auch nicht so bald kommen. Gerade hat der WDR angekündigt, 500 Stellen streichen zu müssen. Ein neues Luxus-Produkt wird man sich da wohl nicht leisten wollen.

Sollte man aber. Denn die Radio-Renaissance ist notwendig und eine Hochglanz-Sendung als Aushängeschild hilft, das Medium wieder attraktiver zu machen. Viele Gebührenzahler fordern, dass die Fernsehsender mehr hochwertige Serien nach US-Vorbild produzieren. Mich wundert, dass noch niemand laut nach einem deutschen TAL oder Radiolab geschrieen hat. Aber das ist ja kein Grund für die Radiosender, es nicht doch zu versuchen.

Wer das Radio liebt, der liebt es nicht dafür, dass es in weiten Teilen eben doch eine Audio-Tageszeitung ist. Oder ein Spotify mit Ansagen. Oder ein Nebenbeimedium. In vielen Hörern ließe sich die Liebe zum Radio durch eine “weniger Output, mehr Qualität”-Philosophie sicher wiederbeleben.

Offenlegung: Ich arbeite regelmäßig für DRadio Wissen und habe auch schon zur Sendung Einhundert beigetragen.

 

CIA

Die CIA hat einen Witz gemacht:

Die CIA hat diesen Witz erfunden – im Jahr 1975. Wie es dazu kam und welche Karriere diese Nicht-Aussage seither gemacht hat, erklärt Radiolab in einer überraschenden Folge. Die ist mindestens so interessant wie der Zeitpunkt, den die CIA für ihren Twitter-Witz gewählt hat: den Jahrestag der Snowden-Leaks.

Audiolink: Knigge für Migranten?

Diese eindringliche Hörempfehlung von Sandra Müller gebe ich hier einfach mal weiter.

Das ist die irritierendste, faszinierendste, verstörendste, überraschendste Radiosendung, die ich je gehört habe. (…) Authentisch wie es authentischer nicht geht. In der Art habe ich das noch nie gehört. “Radio wie es sein soll,” denke ich.

Für mich ist diese Sendung wie einer dieser Kinofilme, bei denen man noch sitzen bleibt beim Abspann, weil man so ratlos baff ist. Ulrich Gineigers Sendung nennt Probleme mit jungen Migranten in Deutschland derartig beim Namen, wie ich es in den Medien noch nicht gehört oder gelesen habe. Der Autor ist nah dran am Thema, trifft seine Gesprächspartner am Ort des Geschehens und arrangiert seine Interviews und Reportagen in einer geschickten Dramaturgie. Das ist sehr, sehr hörenswert und Sandra übertreibt mit ihrer Euphorie wirklich nur ein kleines bisschen.

Meine Kritikpunkte: Der Autor spricht nur mit den Opfern und nur über die Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Lösungsmöglichkeiten klingen nicht einmal an. Und alles wirkt eher wie eine gefühlte Wahrheit; Fakten, Studien, Statistiken bleiben außen vor. Sandra führt manches davon und ein paar andere Punkte bei radio-machen.de aus.

Die Abspannjazzmusik läuft aus und ich brauchte noch ein paar Sekunden, bis ich die Ohrhörer ablege.

Hier geht’s zur  Sendung “Knigge für Migranten?” beim Deutschlandfunk.

Her

Seit gut einer Woche läuft Her in den deutschen Kinos. Für manche geht es in dem Film um Science Fiction, für andere um Beziehungen, und ich habe auch von einer technologischen Sichtweise aus darüber berichtet. Aber das eigentlich Interessante an diesem Film ist für mich, dass er beinahe ein Hörspiel ist.

Spike Jonze zeigt uns eine Zukunft, in der das Hören eine viel größere Rolle spielt als heute. Das liegt auch daran, dass die Computer in dem Film besser Hören und vor allem Verstehen können als heute. Sie werden nicht mit Sprachbefehlen gesteuert, sondern mit natürlicher Sprache wie in einer Unterhaltung. Genauso natürlich antworten die Computer. Dass in der Filmzukunft das Hören so wichtig ist, ist aber nicht nur durch die Technik motiviert. Es ist gleichermaßen sinnvoll wie sinnlich.

Knopf im Ohr: Joaquin Phoenix in "Her" von Spike Jonze.

Knopf im Ohr: Joaquin Phoenix in “Her” von Spike Jonze.

Der Knopf im Ohr von Theodore stellt eine viel intimere Verbindung zu seinem Computer Samantha her als es eine Datenbrille jemals könnte – nicht nur in der Telefonsex-Szene. Das ist natürlich auch ein cineastischer Trick: Der Regisseur muss keine Nacktbilder zeigen oder dem Kinozuschauer einen ständigen Perspektivwechsel zwischen Echtwelt und Datenbrillendisplay zumuten. Wir bleiben immer in Theodores Gegenwart und können über das Hören gleichzeitig die Stimme der virtuellen Samantha wahrnehmen. Und das geht vollkommen auf. An keiner Stelle vermisse ich es Samantha zu sehen. Das Kopfkino ist viel interessanter.

Natürlich hätte Samantha auch ein Avatar mit visuellem Erscheinungsbild sein können. Eine Art Holographie-Technik existiert zu der Zeit, in der der Film spielt; das zeigt eine Szene, in der Theodore ein Computerspiel spielt. Doch das holographische Männchen in seinem Wohnzimmer ist nur zur Unterhaltung gut. Entertainment geht über die Augen, alles von Belang über die Ohren.

Ich finde diese Idee von der Zukunft innovativ und sehr interessant. Und ein bisschen scheint sie schon in der Gegenwart verfangen zu haben. Die Audiospur von Her wurde schon mehrfach gewürdigt: mit der Oscarnominierung für den starken Soundtrack von Arcade Fire, vor allem aber durch Nominierungen und Auszeichnungen für Scarlett Johansson, die Samanthas Stimme in der Originalversion unglaublich eindringlich spricht, aber nicht eine Sekunde in dem Film zu sehen ist.

Ergänzung 15.04.2014:

Gerade erst entdeckt: Wired schreibt ähnliches.

Indeed, if you’re trying to imagine a future where we’ve managed to liberate ourselves from screens, systems based around talking are hard to avoid. (…) you can see the audio-based interface in Her as a novel form of augmented reality computing. Instead of overlaying our vision with a feed, as we’ve typically seen it, Theo gets a one piped into his ear. At the same time, the other ear is left free to take in the world around him.

Fotos: ©2013 UNTITLED RICK HOWARD COMPANY LLC - Courtesy of Warner Bros. Pictures
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