Seit gut einer Woche läuft Her in den deutschen Kinos. Für manche geht es in dem Film um Science Fiction, für andere um Beziehungen, und ich habe auch von einer technologischen Sichtweise aus darüber berichtet. Aber das eigentlich Interessante an diesem Film ist für mich, dass er beinahe ein Hörspiel ist.

Spike Jonze zeigt uns eine Zukunft, in der das Hören eine viel größere Rolle spielt als heute. Das liegt auch daran, dass die Computer in dem Film besser Hören und vor allem Verstehen können als heute. Sie werden nicht mit Sprachbefehlen gesteuert, sondern mit natürlicher Sprache wie in einer Unterhaltung. Genauso natürlich antworten die Computer. Dass in der Filmzukunft das Hören so wichtig ist, ist aber nicht nur durch die Technik motiviert. Es ist gleichermaßen sinnvoll wie sinnlich.

Knopf im Ohr: Joaquin Phoenix in "Her" von Spike Jonze.

Knopf im Ohr: Joaquin Phoenix in “Her” von Spike Jonze.

Der Knopf im Ohr von Theodore stellt eine viel intimere Verbindung zu seinem Computer Samantha her als es eine Datenbrille jemals könnte – nicht nur in der Telefonsex-Szene. Das ist natürlich auch ein cineastischer Trick: Der Regisseur muss keine Nacktbilder zeigen oder dem Kinozuschauer einen ständigen Perspektivwechsel zwischen Echtwelt und Datenbrillendisplay zumuten. Wir bleiben immer in Theodores Gegenwart und können über das Hören gleichzeitig die Stimme der virtuellen Samantha wahrnehmen. Und das geht vollkommen auf. An keiner Stelle vermisse ich es Samantha zu sehen. Das Kopfkino ist viel interessanter.

Natürlich hätte Samantha auch ein Avatar mit visuellem Erscheinungsbild sein können. Eine Art Holographie-Technik existiert zu der Zeit, in der der Film spielt; das zeigt eine Szene, in der Theodore ein Computerspiel spielt. Doch das holographische Männchen in seinem Wohnzimmer ist nur zur Unterhaltung gut. Entertainment geht über die Augen, alles von Belang über die Ohren.

Ich finde diese Idee von der Zukunft innovativ und sehr interessant. Und ein bisschen scheint sie schon in der Gegenwart verfangen zu haben. Die Audiospur von Her wurde schon mehrfach gewürdigt: mit der Oscarnominierung für den starken Soundtrack von Arcade Fire, vor allem aber durch Nominierungen und Auszeichnungen für Scarlett Johansson, die Samanthas Stimme in der Originalversion unglaublich eindringlich spricht, aber nicht eine Sekunde in dem Film zu sehen ist.

Ergänzung 15.04.2014:

Gerade erst entdeckt: Wired schreibt ähnliches.

Indeed, if you’re trying to imagine a future where we’ve managed to liberate ourselves from screens, systems based around talking are hard to avoid. (…) you can see the audio-based interface in Her as a novel form of augmented reality computing. Instead of overlaying our vision with a feed, as we’ve typically seen it, Theo gets a one piped into his ear. At the same time, the other ear is left free to take in the world around him.

Fotos: ©2013 UNTITLED RICK HOWARD COMPANY LLC - Courtesy of Warner Bros. Pictures