Seit zwei Jahren lebe ich auf der anderen Seite des Atlantiks, in den USA. Was ich aus Deutschland höre, sind neben ein paar E-Mails und Telefonaten hauptsächlich Nachrichten, Podcasts und das Neueste aus meiner Social-Media-Bubble. So versuche ich, auf dem Laufenden zu bleiben. Aber meine Wahrnehmung von Deutschland wird mehr und mehr verzerrt. Denn ich habe nicht jeden Tag mit Deutschen zu tun. Ich kann nicht mehr einschätzen, was “der Mann auf der Straße” denkt. Mir fehlt der Bezug zu dem, was gerade als common sense gilt. Ich weiß nicht, wie der Winter war, habe nur eine vage Ahnung davon, wer Helene Fischer ist, und muss anhand meiner Social Feeds vermuten, dass der Journalismus in Deutschland weitestgehend nicht mehr existiert. Bei mir kommen nur noch die Extreme an. Und so höre ich seit Monaten von Pegida, Hooligans und Salafisten, AfD und anderen Rechtsgesinnten und beginne, angesichts meiner früher oder später geplanten Rückkehr nach Deutschland zu denken: eher später. Deutschland wird mir fremd.

Dann wird mir aber doch noch ein Link zur ZDF-Reportage Willkommen in Deutschland von Tine Kugler und Günther Kurth angespült, die mich zwar nicht mit der Politik, aber den Menschen in meinem Heimatland versöhnt. Da geht es mir aber schon fast zu idyllisch zu. Und natürlich lenken die TV-Bilder bloß vom Wesentlichen ab. Auf dieses, das Wesentliche, konzentriert sich hingegen die SWR-Web-Reportage Jeder Sechste ein Flüchtling von Sandra Müller und Katharina Thoms. Über Monate beobachten sie, was passiert, wenn in einem Dorf auf der Schwäbischen Alb 5000 Einwohner auf 1000 Flüchtlinge treffen. Zwei Teile sind bisher veröffentlicht, bestehend aus ruhigen Bildern, an denen sich das Auge festhalten kann, während kurze, pointierte O-Töne einen Eindruck von der Stimmung im Dorf vermitteln. Die Protagonisten sind toll ausgewählt und reden offen über ihre Sorgen und Ängste, sprechen auch Gedanken aus, die andere lieber für sich behalten würden. Selbst den für die Flüchtlingsunterkunft zuständigen Polizisten bringen die Autorinnen dazu, einigermaßen gerade heraus reden, statt sich hinter Beamtendeutsch zu vestecken. Ich kann mich mit den Menschen aus Meßstetten identifizieren und mein Bild von Deutschland entzerrt sich wieder ein wenig.

WDR-5-Reportern gelingt schließlich der Perspektivwechsel. In einer sechsteiligen Serie im Morgenecho lassen sie Flüchtlinge erzählen. Die Geschichten von Flüchtlingen aus Syrien, Eritrea, Irak, dem Kosovo, Afghanistan und Ghana sind berührend und mit vier bis fünf Minuten viel zu kurz. Ich will mehr erfahren über diese Menschen, die ja noch viel mehr zu erzählen haben müssen. Trotzdem sechs sehr hörenswerte Beiträge. Sie geben den Fakten aus den Nachrichten den sehr, sehr nötigen Hintergrund. Sie zeigen, dass es hier nicht um Zahlen und Statistiken geht, sondern um Menschen, jeder mit seiner eigenen Geschichte.

Um diesen Themenkomplex geht es auch in der kommenden Ausgabe des Audioventures-Podcasts. ORF-Autorin Monika Kalcsics wird darin von ihrer Arbeit im Flüchtlingslager Zaatari in Jordanien berichten. Eine Woche lang war sie dort mit Mikrofon und Aufnahmegerät unterwegs. Das daraus entstandene Radio-Feature findet sich in den Audiolinks.