Spoiler Alert: In diesem Video werden wieder einmal Gesichter zu Radiostimmen gezeigt, die man sich ganz anders vorgestellt hat!

Wer damit leben kann erfährt, was Ira Glass (This American Life), Robert Krulwich und Jad Abumrad (Radiolab) sowie Kurt Andersen (Studio 360) am Radio so lieben. In der knapp einstündigen Talkrunde sind neben den offensichtlichen Antworten auf diese Frage aber auch einige interessante Gedanken und Informationen enthalten.

Mir war beispielsweise überhaupt nicht klar, dass es This American Life (TAL) schon seit fast 20 Jahren gibt – laut Wikipedia seit November 1995. Um so erstaunlicher, dass es erst jetzt ein deutsches Pendant dazu gibt.

Einhundert ist eine tolle Sendung, aber TAL beinahe unerreichbar gut. Das wird umso deutlicher, wenn Ira Glass in der Gesprächsrunde bestätigt, was ich bisher nur aus zweiter Hand gehört habe: Die Redaktion von TAL verwirft tatsächlich rund die Hälfte der Geschichten, nachdem sie schon fast fertig produziert sind. Eine TAL-Autorin hat mir mal geschildert, wie sie stundenlang mit Ira Glass an ihrem eigentlich schon fertigen Beitrag herum gebastelt hat. Die ganze Zeit habe sie nicht gewusst, ob er am Ende tatsächlich gesendet werden würde.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass es in Deutschland auch nur eine Hörfunk-Redaktion gibt, die sich derartig hohe Qualitätsansprüche leisten kann. Kein Redakteur hat so viel Zeit, sich mit einem Beitrag auseinanderzusetzen. Ausfallhonorare für Autoren sind die Ausnahme und nicht die Regel. Niemand würde einen signifikanten Anteil des Budgets einer Sendung in Beiträge investieren, die niemals on air gehen.

Am Anfang ist in der Radio-Love-Gesprächsrunde von der Renaissance des Radios in den USA die Rede. Wie es das Radio geschafft hat, nicht mehr nur eine vertonte Tageszeitung zu sein. Und am Ende klingt an, dass es ein Luxus ist, nicht tagesaktuellen Geschehnissen hinterher hecheln zu müssen, sondern sich für eine Stunde Radio pro Woche richtig Zeit nehmen zu können. Ich denke, da besteht ein Zusammenhang. Die Radio-Renaissance wie in den USA habe ich in Deutschland so noch nicht wahr genommen. Und ich fürchte, sie wird auch nicht so bald kommen. Gerade hat der WDR angekündigt, 500 Stellen streichen zu müssen. Ein neues Luxus-Produkt wird man sich da wohl nicht leisten wollen.

Sollte man aber. Denn die Radio-Renaissance ist notwendig und eine Hochglanz-Sendung als Aushängeschild hilft, das Medium wieder attraktiver zu machen. Viele Gebührenzahler fordern, dass die Fernsehsender mehr hochwertige Serien nach US-Vorbild produzieren. Mich wundert, dass noch niemand laut nach einem deutschen TAL oder Radiolab geschrieen hat. Aber das ist ja kein Grund für die Radiosender, es nicht doch zu versuchen.

Wer das Radio liebt, der liebt es nicht dafür, dass es in weiten Teilen eben doch eine Audio-Tageszeitung ist. Oder ein Spotify mit Ansagen. Oder ein Nebenbeimedium. In vielen Hörern ließe sich die Liebe zum Radio durch eine “weniger Output, mehr Qualität”-Philosophie sicher wiederbeleben.

Offenlegung: Ich arbeite regelmäßig für DRadio Wissen und habe auch schon zur Sendung Einhundert beigetragen.