Ich bin gerade auf der Third Coast International Audio Conference in Chicago, die eigentlich eine amerikanische Radio/Podcast-Konferenz ist. Und weil hier nur Radio-Leute sind, ist es kein Wunder, dass in jeder Session, die ich besucht habe, mindestens ein Mal Serial erwähnt wurde. Serial ist ein wöchentlicher Podcast, in dem eine wahre Kriminalgeschichte Stück für Stück aufgerollt wird. Weil Serial ein Spin-Off des Über-Podcasts This American Life ist, gab es seit der ersten Ankündigung des Projekts viel Aufmerksamkeit dafür.

In der Radiomacher-Community wird das Projekt intensiv verfolgt. Einerseits, weil alle neugierig auf neue Erzählformen im Radio/Podcast-Universum sind – eine große Fortsetzungsgeschichte hat es so noch nicht gegeben. Andererseits natürlich, weil die Story spannend ist. Der Anteil der 550 Third-Coast-Konferenzteilnehmer, die Serial noch nicht gehört haben, dürfte verschwindend gering sein. Serial ist das Gesprächsthema in den Sessions und beim Essen.

Radio-Nerds halt.

Aber zumindest in den USA scheint Serial auch außerhalb dieser Nische für Gesprächswert zu sorgen. Es gibt ein eigenes Subreddit für die Serie, und als ich diesen Beitrag schreibe, sind gerade 285 Leser auf der Seite, 7600 haben sie abonniert. Okay, 7600 Reddit-Nerds sind immer noch Nerds. Aber: Die Facebook-Seite von Serial verfolgen knapp sieben Wochen nach dem Start 38.000 Fans, auf Twitter sind es 34.000. Bei Bandcamp kaufen so viele Leute den Soundtrack, dass er auf der Startseite gefeatured wird. Zur Erinnerung: Es handelt sich um einen Podcast.

Die Berichterstattung in den Medien ist außergewöhnlich. Im New Yorker, im Wall Street Journal, im Guardian, überall Berichte über Serial. Die größten Serial-Fans treffen sich beim Magazin Slate. Dort gibt es unter der eigens eingerichteten Adresse slate.com/serial intensive Begleitberichterstattung. Slate hat sogar einen Meta-Podcast (iTunes, RSS) gestartet, in dem die jeweils aktuelle Serial-Folge besprochen wird. Auf Youtube finden sich Parodien, die man natürlich nur versteht, wenn man Serial gehört hat. Die Redakteure von Buzzfeed halten die Parodien nicht für zu speziell, um sie aufzugreifen. Und wer möchte schon Witze machen, die keiner versteht?

Es gibt noch mehr davon.

Audios verbreiten sich kaum viral im Netz, darüber gab es zuletzt viele Artikel. Aber Serial ist gerade dabei abzuheben.

Serial könnte so etwas werden wie die vielen amerikanischen Fernsehserien, die man gesehen haben muss, um auf Partys mitreden zu können. Folgerichtig nannte This-American-Life-Urgestein Nancy Updike das Fernsehen auf der Third-Coast-Konferenz scherzhaft “the old medium – from before podcasts.”

Das passt, denn vergleichbar zu den TV Networks bilden sich gerade verschiedene Podcast Networks wie Radiotopia. Sie vermarkten die Podcasts gemeinsam und machen es so für die einzelnen Produzenten einfacher, ihre Arbeit zu finanzieren. Alex Blumberg, ebenfalls Ex-This-American-Life’ler und Gründer des kommerziellen Podcast-Netzwerks Gimlet, gab auf der Konferenz zu bedenken, dass der Erfolg von Serial nicht von ungefähr kommt:

Three of the most talented, and three of the most expensive people in the entire system worked on Serial for a year.

Serial hat den Erfolg verdient. Und die Podcasts-Networks ebenfalls. Radiotopia sammelt gerade per Kickstarter Geld – mehr als 500.000 Dollar sind schon zusammen gekommen. Gimlet hat mehr als eine Million Dollar von Investoren eingesammelt (und eine Podcast-Serie darüber gemacht). Hebt Serial ab, wäre das der Beleg dafür, dass sich Investitionen in hochwertige Podcasts bezahlt machen. Dann  können wir uns hoffentlich auf mehr solide finanzierte, recherchierte und produzierte Shows freuen.